Münchener Biennale

Der Blick des Anderen

Die Münchener Biennale versteht sich seit ihrer Gründung vor über zwei Jahrzehnten als internationales Festival.

Internationalität blieb dabei nie ein bloß äußeres Kriterium, das sich in der Vielfalt der Herkunftsländer von Komponisten und Librettisten erschöpft. Internationalität ist für uns vor allem eine Frage der geistigen Substanz und der ästhetischen Maßstäbe. In den 22 Jahren, in denen die Biennale mit großer Kontinuität neues Musiktheater entstehen lässt und in die öffentliche Diskussion bringt, ist die Vernetzung der Welt in Höchstgeschwindigkeit vorangeschritten. Damit trafen kulturelle Traditionen mit einem Tempo und einer Intensität aufeinander, die ihr Wachsen durch Jahrhunderte zu negieren schien. Die aktuelle Moderne heißt: Leben in zwei Geschwindigkeiten. Wirtschaft und Kultur bewegen sich asynchron. Kulturen lassen sich nicht im Eilverfahren verschmelzen. Gefordert ist, sich den Blick des Anderen zu Eigen zu machen, sich in bislang Fremdes und Unbekanntes hineinzudenken.

Die Musiktheaterprojekte verwirklichen das Motto der Münchener Biennale auf verschiedene Weise: Im Amazonas-Projekt treffen der europäisch-vereinnahmende, der indigen-bewahrende und der in die Zukunft fragende Blick aufeinander. Die Komponistin Lin Wang versteht das Leben im Spannungsfeld zwischen chinesischer und europäischer Tradition als Aufforderung, sich auf die Suche zu begeben, gestanzte Gewissheiten zu verlassen und sich einer vorbehaltlosen Selbsterkenntnis zu öffnen. Philipp Maintz komponiert den radikal anderen Blick: Maldoror entwirft ein Bild der Welt aus der Sicht des Bösen. Márton Illés bezieht in seine Komposition einen frühen dramatischen Entwurf von Rainer Maria Rilke, den Schwebezustand der Erwartung über dem Abgrund des Schrecklichen und Infamen ein.

Peter Ruzicka, Künstlerische Leitung